Die betroffenen Gebiete und Kommunen

Der Aufruf richtet sich an die Vertreter und Vertreterinnen vor Ort, die den Gifteinsatz ablehnen können, sowie an die Hessische Umweltministerin, die nachhaltige Hilfen für den Wald, die an der Ursache ansetzen, einleiten kann.

Pressemeldung der Umweltministerin vom 18. Dezember 2009

 

Lautenschläger: Keine chemische Bekämpfung der Maikäfer im Hessischen Ried

Gespräche über Waldsanierung angekündigt

Die hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger hat sich gegen einen Einsatz mit einem chemischen Pflanzenschutzmittel bei der im Jahr 2010 erwarteten Massenentwicklung der Maikäfer im Hessischen Ried entschieden. Fachliche Gründe sprächen dagegen, erklärte sie am Freitag vor Journalisten in Wiesbaden. Sie kündigte ferner Gespräche mit Experten und Naturschutzverbänden über eine Waldsanierung in Südhessen an.

Lautenschläger begründete ihre Entscheidung damit, dass viele Flächen im Ried wegen ihrer Schutzbedürftigkeit nicht für eine Behandlung in Frage kommen. Dabei handele es sich beispielsweise um Naturschutzgebiete und Wasserschutzgebietszonen sowie Lebensräume für stark gefährdete Arten oder reine Nadelholzbestände. Das potentielle Bekämpfungsgebiet könne sogar kleiner werden, denn für bestimmte unter Schutz stehende Arten sei die Lebensraumkartierung noch nicht abgeschlossen. „Eine Bekämpfung auf wenigen Teilflächen führt jedoch zwangsläufig zur Wiederausbreitung der Maikäferpopulation in dem gesamten Gebiet. Der Erfolg einer Bekämpfung ist daher fraglich“, sagte die Ministerin. Außerdem sei eine Beeinträchtigung geschützter Arten durch einen Einsatz des untersuchten Wirkstoffs Dimethoat (Breitband-Insektizid) nicht auszuschließen.

„Die Entscheidung war nicht einfach“

Lautenschläger: „Die Entscheidung war nicht einfach, doch die Aussicht auf eine wirksame Bekämpfung der gesamten Maikäferpopulation war nicht hinreichend gegeben.“ Das Hessische Ried ist seit Jahrzehnten durch eine vergleichsweise hohe Maikäferpopulation gekennzeichnet. Neben dem Wurzelfraß der Maikäfer unterliegt der Wald im Hessischen Ried seit Jahrzehnten Veränderungen durch die Absenkungen des Grundwasserspiegels sowie dem klimatisch bedingten Wandel (hohe Trockenheit). Auch diese Einflüsse finden ihren Niederschlag auf den Zustand des Waldes. „Wieweit eine Bekämpfung der Maikäfer überhaupt in der Lage wäre dauerhaft den Waldzustand zu verbessern, ist fraglich“ machte Lautenschläger deutlich.

Waldsanierung bleibt auf der Tagesordnung

Bei der Abwägung des Einsatzes der chemischen Bekämpfung, habe auch die öffentlich wichtige Funktion des Waldes als Naherholungsraum und die Akzeptanz des Naturraumes Wald eine wichtige Rolle gespielt. Um den Belangen des Artenschutzes, der im Hessischen Ried vorhandenen Natura 2000 Gebieten und den Vogelschutzgebiete wie auch dem Erhalt des Waldes gerecht zu werden, will Lautenschläger nach eigenen Worten mit weiteren Experten und den Naturschutzverbänden Gespräche über die Frage führen, wie dies am Besten zu erreichen ist. „Momentan läuft noch eine Untersuchung über die Möglichkeiten den Grundwasserspiegel zumindest vereinzelt wieder anheben zu können, um dadurch eine Verbesserung des Waldzustandes zu erzielen“, erklärte die Ministerin. Außerdem werde man auch weiter prüfen welche ökologischen Methoden in Betracht kommen, um den Waldzustand zu verbessern. „Die Waldsanierung bleibt auf der Tagesordnung“.

 

 

Pressestelle: Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Pressesprecher: Christoph Zörb, Mainzer Str-. 80, D-65189 Wiesbaden
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E-Mail: pressestelle@hmuelv.hessen.de

 

BUND begrüßt die Entscheidung der Umweltministerin

Maikäfer-Bekämpfung
„Wir sind gleich zweimal erleichtert“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) begrüßt die Entscheidung von Umweltministerin Silke Lautenschläger (CDU) gegen den Gifteinsatz und für ein Sanierungsprogramm zur Rettung der bedrohten Riedwälder. „Ministerin Lautenschläger hat uns ein vorzeitiges Weihnachtspräsent gemacht. Noch nie wurde der Sanierungsbedarf der Riedwälder so deutlich auf die politische Agenda gehoben,“ erklärt BUND Vorstandssprecher Herwig Winter.

Maikäfer-Bekämpfung: „Die Diskussion greift zu kurz“ – BUND fordert Gesamtstrategie zur Rettung des Waldes im Hessischen Ried

Der BUND schrieb an die Hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger und bat um Beantwortung zahlreicher Fragen. Hierzu die Pressemitteilung des BUND Hessen…

 

Pressemitteilung BUND Hessen, 13. November 2009

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert eine Gesamtstrategie zur Rettung der schwer geschädigten Wälder im Hessischen Ried. „Die Diskussion um die Maikäferbekämpfung greift viel zu kurz“, meint BUND Vorstandsprecher Herwig Winter. Die Problematik ist gewaltig und geht weit über die Bekämpfung des Maikäfers hinaus. Nach Angaben der Forstverwaltung ist der Wald auf einer Fläche von 30.000 Hektar von der vollständigen Auflösung bedroht. Die Bekämpfungsfläche gegen den Maikäfer soll hingegen „nur“ 10.000 Hektar umfassen. Als Beitrag zu einer sachgerechten und transparenten Entscheidungsfindung schlägt der BUND die Beteiligung der anerkannten Naturschutzverbände am Genehmigungsverfahren zur Maikäferbekämpfung vor.

Ohne eine konsequente Ursachenbekämpfung der Waldschäden droht im Hessischen Ried die regelmäßige, großflächige Bekämpfung des Maikäfers mit dem Breitbandinsektizid „Dimethoat“, das auch für Vögel, Fledermäuse und Fische gefährlich ist. Auch eine befristete Sperrung der behandelten Wälder für den Menschen wird wegen der Gefährlichkeit des Mittels erwogen. Bisher fehlt es jedoch an einem Gesamtkonzept, kritisiert der BUND-Sprecher: „Mit der Bekämpfung des Maikäfers allein lassen sich die Wälder nicht retten.“

Die Ursachen der schweren Waldschäden in Südhessen sind bekannt. Rücksichtslose Grundwasserabsenkungen graben den Wäldern von unten das Wasser ab, hohe Schadstoffeinträge kommen von oben und zahlreiche Rodungen setzen den Wäldern auf ebener Erde seit Jahren zu. „Der Angriff kommt seit vielen Jahren quasi von allen Seiten“, erläutert BUND-Vorstandssprecher Herwig Winter. Seit einigen Jahren wird zusätzlich zu den bekannten Ursachen auch über die Folgen des Klimawandels diskutiert. Der Maikäfer ist ein Symptom, nicht die eigentliche Ursache des Waldsterbens.

Betroffen sind vom Absterbevorgang vor allem die ökologisch wertvollen alten Eichen- und Mischwälder. Zahlreiche dieser Flächen sind aber gerade wegen dieser alten Bäume und die daran gebundenen Lebensgemeinschaften als Schutzgebiete ausgewiesen. Unklar ist für den BUND nicht nur, wie es waldbaulich in den geschädigten Wäldern weitergehen soll. „Die Fokussierung auf die Schadensflächen ist unzureichend. Wir brauchen ein umfassendes Schutzkonzept und den Schutz der noch relativ gesunden Waldbereiche im Ried, in die der Maikäfer noch nicht eingedrungen ist“, fordert Herwig Winter vom BUND.

Der Maikäfer, der in den Ried-Wäldern schon immer existierte, profitiert nun vom Kollaps des Ökosystems. Seit 1990 wird er zum ständig wachsenden Problem und zerstört auf riesigen Flächen alle jungen Laubbäume. Nicht der Blattfraß der alten Käfer im Mai ist das Problem, sondern der Wurzelfraß der Engerlinge in der vierjährigen Entwicklungszeit. Egal, ob die Jungpflanzen natürlich gekeimt sind oder ob sie gepflanzt wurden: Sobald eine Waldfläche durch die Vorschädigung oder die Holzernte ausreichend Licht an den Boden lässt, dringen die Maikäfer zur Eiablage in die Bestände ein und die Engerlinge beginnen ihr zerstörerisches Werk. Weggefallen ist die früher hohe Wintersterblichkeit der Engerlinge. Während in früheren Jahrzehnten nahezu alle Engerlinge im hoch anstehenden Grundwasser der Wintermonate ertranken oder im feuchten Boden an Pilzerkrankungen starben, überleben nun fast alle die kalte Jahreszeit unbeschadet und können im Frühjahr ihre Fraßtätigkeit an den Wurzeln fortsetzen.

Im Vorfeld seiner Entscheidung hat der BUND Umweltministerin Lautenschläger um die Beantwortung der folgenden Fragen gebeten:

  1. Ab welcher Engerlingsdichte und auf welchen Flächen ist aus der Sicht der Forstverwaltung die Bekämpfung erforderlich und wie verteilt sich die potenzielle Bekämpfungsfläche nach den Waldbesitzarten?
  2. Welches Szenario der Waldentwicklung wird von der Forstverwaltung ohne Maikäferbekämpfung befürchtet? Welche Verbesserung soll durch die Bekämpfung erreicht werden?
  3. Welche Waldbesitzer innerhalb der unter 1. bestimmten Kulisse haben bereits verbindlich erklärt, dass sie den Maikäfer bekämpfen wollen und welche haben dies bereits verbindlich abgelehnt?
  4. Kann sichergestellt werden, dass die Bekämpfung eine einmalige Maßnahme bleibt oder ist eine regelmäßige Wiederholung zu befürchten?
  5. Können sich die Ministerin der Forderung anschließen, Naturschutzgebiet und Natura 2000-Gebiete von der Bekämpfung auszusparen?
  6. Welche Flächen innerhalb der Flächenkulisse nach Frage 1 können künftig einen höheren Grundwasserstand erhalten, so dass die Maikäferproblematik sich dort künftig nicht mehr oder zumindest schwächer stellt?
  7. Bestehen Überlegungen, die geschädigten Waldflächen im Hessischen Ried und hier insbesondere die Maikäferflächen künftig buchhalterisch eigenständig, z. B. in einem eigenen Haushalt bei Hessen-Forst zu führen?
  8. Welche Abweichungen und Besonderheiten bei der Bewirtschaftung bestehen in den Maikäfer-Wälder schon heute, welche sollen künftig, z.B. im Zuge der buchhalterischen Trennung der Bestände bei Hessen-Forst ergriffen werden?
  9. Welche Änderungen der Baumartenzusammensetzung und des Waldbildes wird mit und welche ohne einmaliger Maikäferbekämpfung erwartet?
  10. Warum wurden die Untersuchungsergebnisse der Maikäferbekämpfung aus 2006 und der zugehörigen Begleituntersuchungen bisher nicht veröffentlicht?
  11. Welche Argumente sind für die abschließende Meinungsbildung im zuständigen Ministerium von besonderer Bedeutung?

Weitere Hintergrundinformationen und NABU-Initiative ProWald

Weitere Hintergrundinformationen finden Sie auch auf den Seiten des NABU Hessen, der auch eine ProWald-Aktion an die Hessische Umweltministerin richtet:

Unterschreiben Sie auch dort:

NABU-Initiative ProWald – Kein Gifteinsatz im Hessischen Ried

Im NABU-Hintergrundpapier (PDF; 150 KB) lesen Sie:

  • Ursachen für die Waldschäden
  • Risiko für den Menschen
  • Folgen eines Gifteinsatzes
  • Hilfe für den Wald